Alois Stucke, die gute Seele der Balair-Flugschule

1966

Als 16-jähriger Mechaniker-Lehrling in der Firma Buss AG in Pratteln habe ich in der Zeitschrift DELTA der FEKB (Flugzeugerkennung Basel) vom Februar 1966 das Inserat der Balair AG für den Posten von Wochenendhelfern für die Kleinfliegerei auf dem Flughafen Basel-Mulhouse gelesen. Für mich war klar: «Da musst du dich unbedingt melden!» Zusammen mit meinen beiden Lehrlings-Freunden Beat Meyer und Hanspeter Berli meldeten wir uns sofort und wurden im April 1966 von Ruedi Klemm eingestellt. Somit waren wir nebst Lehrlingen in Pratteln auch Wochenendmitarbeiter der Balair, was mit CHF 3.00 pro Arbeitsstunde für uns fürstlich entlöhnt wurde.

Als Beat Meyer 1967 nach Kanada auswanderte, übernahm Walter Ittin aus Effretikon seinen Platz. Walter pendelte stets mit der Swissair Metropolitan, teilweise schon am Freitagabend, von Kloten nach Basel, direkt an seinen Arbeitsplatz. Während er fast immer in den Baracken der Fliegerischen Vorschulung (FVS) bei den Balair-Büros übernachtete, haben wir drei Baselbieter dies nur sporadisch und bei spätem Einsatz in den Sommermonaten ausgenützt. Mit der Aufteilung der Diensteinsätze unter uns dreien waren wir nie überfordert und wurden von der Lehrfirma sogar unterstützt.

Bei der Ausübung unserer Tätigkeit an den Wochenenden stand uns stets Alois Stucke aus Basel (* 5. Juni 1920) mit wachsamem Auge in Hintergrund zur Seite, entweder in seinem blauen DKW oder dann später im extra für ihn gefertigten Bürohäuschen. 

Das Bürohäuschen stand bei der Balair-Werkstatt neben dem «Lucky Strike-Hangar» und ist bis heute vorhanden.

Alois hatte eine körperliche Behinderung, die ihn an den Rollstuhl und an seinen blauen DKW Junior band. Ob nun vom Auto oder Büro aus, Alois nahm die Telefonanrufe und persönliche Anfragen an den Wochenenden für Flugbewegungen entgegen und teilte die Flugzeiten entsprechend ein. Er dirigierte und koordinierte stets mit voller Hingabe die «Slotvergaben» – nicht nur für die Flugzeuge der Balair-Flugschule, sondern auch jene der Motorfluggruppe Basel (MFG) und teilweise jene von privaten Besitzern, wodurch wir die Flugzeuge rechtzeitig und korrekt bereitstellen konnten. 

Zu unseren Tätigkeiten zählte nicht nur das frühmorgendliche «Aushallen» und Reinigen, sondern auch das Betanken mit der gewünschten Benzinmenge, das Überprüfen und Auffüllen des Oelvorrats, die Reinigung der Scheiben und das Überprüfen des allgemeinen Zustandes der Flugzeuge nach jedem Flug. Auch nach fast 60 Jahren höre ich jetzt noch, wie Alois uns mit Bestimmtheit Anweisungen erteilte. Wir «Stiften» waren gewissermassen seine Untergebenen, welche auf seine Anweisungen angewiesen waren. Zusammen hatten wir stets schöne und manchmal auch «stressige» Zeiten. In den Momenten, wo gerade nicht viel los war, hat uns Alois stets an seinen Erfahrungen und Erlebnissen teilhaben lassen. Stolz war er, wenn er von seinem Neffen Werner berichten konnte. Dieser durchlief damals gerade erfolgreich seine Ausbildung bei der Swissair.

Ab und zu konnten Piloten Alois Stucke für einen Rundflug begeistern, was ihm stets grosse Freude bereitete.

Keine Frage, wer in Basel fliegen wollte, der konnte dies nicht tun, ohne sich bei Alois zu zeigen. Viele der Piloten und Flugzeugbesitzer haben es sehr geschätzt, mit ihm über Gott und über die Welt, nebst natürlich dem Fliegen, zu reden. Die Zusammenarbeit mit Alois war für uns alle stets eine grosse Freude und hat uns im späteren Leben viel geholfen, gemeinsam mit Körperbehinderten Projekte unbeschwert in Angriff zu nehmen.

Ich denke, dass nach dem Leitungswechsel bei der Flugschule im Jahre 1974 auch für Alois die Zeit des Abschiedes vom Flughafen Basel-Mulhouse gekommen ist. Mir wird er stets in bester Erinnerung bleiben. 

Victor Bertschi